Wine Mom: „Irgendwann brauchte ich das Gläschen am Abend“

Wine Mom

Ihr Lieben, ich habe Binia bei frauTV in einem Beitrag gesehen und sie sofort angeschrieben. Sie war eine Wine Mom, wuppte den Alltag mit ihren beiden Kindern immer in der Vorfreude auf ihr Gläschen Alkohol am Abend… bis sie irgendwann merkte: Nee, das kann hier jetzt so nicht weitergehen. Und seitdem keinen Schluck mehr trinkt. Wie schnell es gehen kann, dass wir in die Abhängigkeit rutschen – gerade als gestresste Mütter, die mal kurz „runterkommen“ wollen, das erzählt sie uns hier.

Liebe Binia, erzähl uns doch zuerst mal, wer alles zu deiner Familie gehört

Wine Mom

Zu meiner Familie gehört mein Mann, mit dem ich nun bereits seit 16 Jahren zusammen bin (wir sind übrigens gemeinsam nüchtern geworden, was ein riesiges Geschenk ist!) Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter ist 14 Jahre alt und unser Sohn ist 10. Und dann gibts noch Labrador Anton, meinen Seelenhund 🙂

Deine Tage mit der Vereinbarkeit und dem Mental Load waren stressig, du hast dir dann abends öfter mal ein Gläschen gegönnt… wurdest eine so genannte „Wine Mom“. Kam das plötzlich oder war das ein schleichender Prozess?

Alkohol begleitet mich, seit ich denken kann. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Alkohol immer Thema und immer präsent war. Mein Vater war sogar beruflich für eine Firma tätig, die Spirituosen an Supermärkte verkauft hat – er war da im Vertrieb tätig und somit hatten wir Alkohol einfach immer im Haus.

Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit, dann verknüpfe ich das allerdings mit etwas Schönem. Alkohol wurde zum Essen getrunken, wenn wir Feste feierten, wenn es was zum Anstoßen gab und für mich als Kind war das immer so der Gedanke: „Das gehört halt zum Erwachsensein dazu!“ „Das machen die Erwachsenen halt so“

Und es war auch nicht schlimm für mich, da ja immer was los war bei uns und alle waren dann lustig und gut drauf – ich glaube, ich fand das als Kind ziemlich cool. Und leider glaube ich auch, dass sich da schon was gefestigt hat in meinem Kopf, nämlich die komplett falsche und gefährliche Vorstellung: „Alkohol gehört zum Leben dazu“.

Kinder lernen durch Beobachtung und heute frage ich mich: Hätte ich diese Trink-Szenarien nicht beobachtet, wäre ich nicht so distanzlos aufgewachsen mit dem Alkohol, hätte ich dann ein anderes Trinkverhalten entwickelt?

Es kam jedenfalls. wie es kommen musste und ich habe recht früh, ungefähr in dem Alter, in dem meine Tochter heute ist, den Zugang zum Alkohol gefunden. Und ich weiß noch, dass ich es gleich mega cool fand! Ich fand mich cool, wenn ich trank, ich fand andere trinkende Kids cool und so zog sich das dann durch meine Teenagerzeit.

Irgendwann wurde ich älter, es folgte die Partyphase – ebenfalls geprägt von vielen Exzessen und Nächten, an die ich mich am nächsten Tag nur schwer erinnern konnte. 2009 lernte ich meinen Mann kennen, 2011 kam unsere Tochter zur Welt.

Ich muss dazu sagen, dass ich während der Schwangerschaften keinen Schluck Alkohol getrunken habe, aber ja – es kam dann sehr schnell der Tag, an dem ich mich zwischen verkotzten Babyklamotten, Windeln und co. einfach abends extrem auf mein Glas Wein gefreut habe. Es war meine Belohnung und irgendwie auch mein letzter „Strohhalm“ zu meinem alten Leben vor dem Muttersein.

Immer wieder sehen wir in den sozialen Medien Mütter, die sich zuprosten oder sich ein „Verdient, nach dem harten Tag“-Aperölchen gönnen. Hatte bei dir auch so etwas Einfluss darauf, dass du es zunächst mal als normal empfunden hast? 

Aperol Spritz
Foto: pixabay

Als ich 2011 das erste Mal Mama wurde war Social Media nicht so weit, als dass mich das hätte prägen können. Aber ich bin zum Beispiel mit Carrie und Co. von Sex and the City aufgewachsen – ich kenne jede Folge! Und ich glaube, es gibt keine, in der NICHT getrunken wird.

Amanda und Charlotte haben mir damals in der Serie schon beigebracht, dass es komplett ok ist, als Mama Alkohol zu trinken und dass das Mamaleben dadurch leichter wird. Vermutlich hab ich auch das verinnerlicht, als ich in meinen 20ern die Serie regelmäßig angeschaut habe.

Zu den Müttern in Social Media: ich finde diesen Trend super gefährlich! Oft sind es Frauen mit einer mega Reichweite und ich würde es gerne mal sehen, dass sie ihre Reichweite nutzen, um zu sensibilisieren und nicht um Alkohol auf diese Art zu verherrlichen.

Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen, aber ich beobachte den Trend wirklich kritisch. Das Gefährliche ist einfach auch: Solange wir alle kollektiv über diese Reels lachen, haben wir ja kein Problem. Quatsch, wir doch nicht! Machen ja alle! Und die Alkoholindustrie lacht sich dabei ins Fäustchen, für die sind all diese Memes und Reels nämlich eine supertolle kostenfreie Werbung! 

Was war dein Erweckungserlebnis?

Ich hatte einige Anläufe, mein Trinken zu reduzieren (ganz aufhören kam nicht in Frage, ich dachte das Leben ist vorbei, wenn man nicht mehr trinkt). Ich hab mein Trinkverhalten durchaus immer wieder hinterfragt.

Vor allem die Coronazeit hat nochmal dazu geführt, dass es einfach viel zu viel wurde. Ich hab ja dennoch funktioniert, alles gut auf die Reihe bekommen, aber Alkohol war einfach so sehr Teil meiner Identität. Das hat mich selbst richtig angenervt irgendwann.

Fasching 2024 war dann mein Augenöffner. Ich hatte nach einer Kostümparty einen schrecklichen Kater – eine Woche nach dieser Party hab ich ein Glas Sekt getrunken und total Magenschmerzen bekommen – da wusste ich: Das war´s! Du musst es jetzt lassen!

Wie schwer fiel es dir, auf das Gläschen am Abend zu verzichten?

Interessanterweise und das ist echt irre: Absolut nicht schwer!! Ich hab über 25 Jahre lang regelmäßig Alkohol getrunken und konnte es nicht fassen, dass es dann doch so leicht war. Ich weiß auch, dass es nicht jedem so geht – aber ich war einfach so durch mit dem Mist, dass es mir wirklich nicht schwerfiel.

Außerdem hatte ich natürlich meinen Mann als „Soberbuddy“ und wir haben uns gegenseitig sehr unterstützt. Ich hab sehr viel gelesen am Anfang, alles an Wissen aufgesaugt, was ich finden konnte in Bezug auf Alkohol.

Ich hatte soooo viele Aha-Momente, hab den Alkohol einfach so „entzaubert“, dass ich ganz schnell nur noch das gesehen habe, was es ist: Ein Gift. Eine Droge. Und da ist mir dann auch die Lust darauf vergangen und ich wusste: ich will den Mist einfach nie wieder in meinen Körper lassen, nicht nur einen Tropfen davon!

Versuchen viele, dich trotzdem noch zu einem Schlückchen zu überreden? „Stell dich doch nicht so an“-artig?

Nein, das nicht. Es haben sich Menschen allerdings tatsächlich abgewandt von mir, als sie gemerkt haben, mit mir kann man nicht mehr zusammenhocken und mittags schon die Flasche Sekt öffnen.

Vermutlich bin ich für sie einfach komisch und langweilig geworden. Womöglich hab ich auch zu sehr den Spiegel vorgehalten. Aber das ist ok. Menschen dürfen weiterziehen – und die wahren Freunde bleiben.

Du sprichst offen darüber, dass auch wenige Mengen an Alkohol zur Sucht führen könne, welche Reaktionen von Müttern erreichen dich dazu? Sind es viele?

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Ja, es sind enorm viele. Mir schreiben viele Mütter, dass sie sich wiedererkennen, dass sie ähnliche Themen haben. Dass sie gegen ihren Stress antrinken, gegen die Belastung. Ich bin froh, dass ich andere motivieren und inspirieren kann. Denn unser Mamastress wird ja nicht besser, durch den Wein am Abend – im Gegenteil.

Ich habe mittlerweile eine Ausbildung zur Mentaltrainerin absolviert und möchte Frauen und Mamas gesunde Wege aufzeigen, wie sie gegen ihren Stress ankommen und ihr Nervensystem regulieren können – ohne das Bedürfnis zu haben zum Glas Wein greifen zu müssen.

Wie hat sich dein Leben verändert oder vielleicht verbessert seit du die Finger vom Alkohol lässt?

Es hat sich einfach alles verbessert. Angefangen beim Optischen, ich hab abgenommen, meine Augen strahlen, die Haare sind schöner, die Nägel fester – Alkoholfreiheit ist einfach DAS Beauty Glow Up.

Das ist ja auch das Paradoxe: Wir investieren soviel Zeit und Geld in unser Aussehen, kaufen teure Kosmetik, schlucken Kollagen und co – und kippen uns dann den Prosecco und den Wein rein – und machen dadurch alles wieder zu Nichte. 

Viel wichtiger ist aber meine innerliche Veränderung: Ich bin mehr bei mir. Ich schau in den Spiegel und mag die Person, die ich sehe. Ich bin fröhlicher, ruhiger, gelassener. Weniger impulsiv. Die Beziehung zu meinen Kindern hat sich enorm verbessert. Ich bin einfach die viel, viel, viel bessere Mama für sie. Weil ich klar bin und präsent, weil sie sich immer, zu jeder Zeit 100 Prozent auf mich verlassen können!

Wie schaust du auf diese, unsere Gesellschaft, in der das Mamaleben offenbar so anstrengend ist, dass es für einige nur noch mit einer kleinen Betäubung am Abend erträglich ist?

Ich denke, dass wir hier ein riesiges strukturelles, gesellschaftliches Problem haben. Mütter sind oft auf sich allein gestellt, zu wenig Support, zu wenig Betreuungsplätze, zu wenig Anerkennung für das, was wir leisten.

Dann der Druck den wir uns selber machen: Immer abliefern, alles perfekt machen! Das ist einfach so unfassbar anstrengend – und oft bleibt da nur der Griff zum Glas, weil wir denken, dass das unsere Anspannungen und unseren Frust löst.

Wenn sich jetzt hier beim Lesen einige Mamas ertappt fühlen: Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?

Ich möchte nicht missionieren und jede die mit ihrem Trinken fein ist, soll trinken. Auch wenn ich mir mehr Aufklärung generell wünschen würde, da kaum eine Frau weiß, wie zum Beispiel das Brustkrebsrisiko in die Höhe schießt – und das auch schon bei vermeintlich geringem Alkoholkonsum.

Auch wirkt sich (bereits geringer) Konsum erheblich auf die Psyche und auf die Stimmung aus. Alkohol manipuliert extrem unser Gehirn und bringt dort alles durcheinander was man nur durcheinander bringen kann. Ich hab mich oft gefragt, warum ich so impulsiv bin, warum ich mich und meine Emotionen selber so schlecht regulieren kann oder warum ich oft grundlos so eine Grundtraurigkeit über mehrere Tage mit mir herumgetragen habe – heute weiß ich einfach: das war der Alkohol!

Es lohnt sich einfach, sich damit mal auseinanderzusetzen. Denn es gibt einfach keine gesundheitlich unschädliche Menge Alkohol. Das sollte jeder und jedem klar sein. Und all die, die eine kleine Stimme in sich hören und sich denken „Ja, ich sollte mal genauer hinschauen!“, denen will ich wirklich aus tiefem Herzen sagen und ihnen dabei die Hand reichen: Bitte schau genauer hin!

Eine Abhängigkeit schleicht sich ein, sie steht nicht von heute auf morgen vor der Tür und sagt: „Huhu, hier bin ich!“ Sie kommt ganz unbemerkt daher und ich selber hab jahrelang gedacht, bei mir ist alles im grünen Bereich und hab erst in der Nüchternheit gecheckt, dass ich wirklich ein Problem hatte.

Habt keine Angst vor der Alkoholfreiheit! Das möchte ich zum Schluss noch sagen. Wenn man regelmäßig trinkt und Alkohol so sehr Teil des Lebens ist, wie er es bei mir war, dann denkt man, man verliert etwas, wenn man aufhört. Aber so ist es nicht. Im Gegenteil, man gewinnt einfach nur dazu. Nämlich Freiheit. Klarheit. Und Selbstbestimmtheit.

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4 comments

  1. Schöner Artikel, danke! Es sollte viel bekannter sein, wie viel höher das Brustkrebsrisiko bei schon geringem Alkoholkonsum. Ich selbst trinke auch keinen Alkohol mehr. Einen problematischen Konsum in dem Sinne hatte ich nie, ich kam übers abnehmen dazu. Alkoholverzicht lässt die Kilos unglaublich schnell purzeln. Es folgte bei mir die Auseinandersetzte mit den gesundheitlichen Aspekten des Alkohols – und seitdem keinen Schluck mehr. Ich bin dankbar für all die vielen Alternativen die es zwischenzeitlich gibt – egal ob Wein, Bier, Gin, Rum – für alles gibt es eine alkoholfreie Variante. Ich bemühe mich, nicht missionarisch in diesem Punkt zu sein, denke mir aber, dass viel mehr Menschen darauf verzichten würden, wenn sie aufgeklärt wären.

  2. Grundsätzlich finde ich den Text vo Binia sehr gut. Echt vielen Leuten, ist wirklich nicht bewusst, was Alkohol alles verursachen kann. Und es ist gut, dass darüber aufgeklährt wird. Etwas irritierend ist nur der Aspekt, dass Binia selber “ erst“ etwas mehr als ein Jahr, ohne Alkohol lebt. Daher hat für mich dieser Text doch etwas missionarisches an sich, obwohl ich ihn gut finde.

  3. Danke für den wichtigen Text.
    In den letzten Wochen ist es mir extem aufgefallen wieviele Mamas in meinem Umfeld ein Problem mit Alkohol haben.
    Ich habe vor ein paar Wochen aufgehört Alkohol zu trinken. Es war bei mir nicht viel, aber oft das Glas Wein/Glas Bier am Abend. Ich merke einen großen Unterschied. Meine Stimmug ist stabiler und ich habe viel mehr Kraft. Die zusätzliche Kraft nutze ich um Sachen zu machen, die mir Spaß machen. Hätte ich nicht gedacht, dass es so eine große Auswirkung hat.

  4. Toller Artikel!
    Bei mir ist es nicht der Alkohol, sondern Süßigkeiten, zu denen ich in Stresssituationen greife.
    Vielleicht nicht ganz so schädlich wie Alkohol, aber auch ich habe das Gefühl, dass es sich eigentlich schon um eine Sucht handelt.

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