Ihr Lieben, neulich berichteten wir in einem Artikel hier im Blog über die positiven Seiten von Hochsensibilität. Daraufhin meldete sich unsere Leserin Nora, die sagte, dass Hochsensibilität aber eben auch einige Nachteile für das Kind und die ganze Familie mit sich bringe. Darüber wollten wir mehr erfahren.
Liebe Nora, du hast dich nach dem Artikel bei uns gemeldet, der Hochsensibilität als Superkraft bezeichnet. Du hast selbst ein hochsensibles Kind. Wann und wie ist euch das aufgefallen?
Unser Sohn (heute 13) ist unser erstes Kind und wir haben uns zunächst nicht gewundert über seine empfindsame Art. Das Wasser war ihm zu nass, andere Kinder zu laut, Kleidung zu kratzig, neue Situationen zu viel usw. Erst als seine Schwester geboren wurde sind uns die vielen Unterschiede sehr deutlich aufgefallen. Wir haben mit Freunden über unsere sehr unterschiedlichen Kinder gesprochen und die erst haben uns überhaupt auf das Thema „Hochsensibilität“ gebracht. Wir haben noch am selben Abend einen der Fragebögen, die online zugänglich sind, gemacht und unser Kind darin erkannt. Wir haben sofort ein Buch bestellt und verstehen unseren Sohn jetzt so viel besser.
Mit was tut sich dein Sohn bis heute schwerer als die Schwester, die nicht hochsensibel ist?
Mit allem, was plötzlich und spontan ist wie Ausflüge, Gäste, Urlaub. Mit allem, was neu ist, z.B. Kleidung, Freunde, Klasse, Hobby. Mit allem, was Mut erfordert, etwa ein Referat, eine Impfung, ein Freizeitpark. Er braucht für alles deutlich mehr Zeit, er möchte erst bescheid wissen, sich die Situation anschauen und erst nach Bewertung aller Risiken und Vorteile, macht er mit.
Habt ihr eine offizielle Diagnose und habt ihr irgendwie Unterstützung oder Therapien?
Nein. Uns hat das Buch sehr geholfen. Eine Diagnose und eine Therapie brauchen wir nicht. Unser Kind ist nicht krank, er hat nur eine andere Wesensart.
Was genau ist bei euch im Alltag undenkbar wegen des hochsensiblen Kindes?
Eigentlich ist fast alles möglich, wir müssen nur alles vorher einplanen und es dem Kind mehrere Wochen vorher sagen. Schlimm ist ein plötzlicher Zahnarztbesuch, früher auch eine Dusche. Und dann die Kleinigkeiten: Urlaub am Meer, da es da zu viel Sand und Salzwasser gibt, Urlaub mit anderen Familien, da es da zu laut und durcheinander zugeht, Roadtrip, da es da zu viel Wechsel gäbe.
Wir nehmen auf unseren Sohn Rücksicht, genau wie auch auf die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder, aber wir lassen uns nicht einschränken. Wir gewöhnen ihn also Schritt für Schritt an die Mehrheitsgesellschaft. Das hat bisher super geklappt. Außer der Familie weiß auch niemand, dass er hochsensibel ist. Wir haben das auch nie im Kindergarten oder Schule angesprochen.
Nach deinen Erfahrungen: Ist Hochsensibilität für dich eine Superkraft oder hättest du es deinem Kind lieber erspart?
Hochsensibilität ist eine Eigenheit, die in unserer lauten Gesellschaft von der Mehrheit nicht verstanden wird. In der Minderheit zu sein ist immer schwerer. Ich hätte die Hochsensibilität meinem Kind gern erspart.
Wie ist das ganze für euch Eltern? Geht ihr unterschiedlich damit um?
Planung ist bei uns ein großes Thema. Uns stört das nicht, aber das ist sicher nicht jedermanns Sache. Und grundsätzlich ist das Verständnis für das Kind und seine Art bei mir deutlich größer, ich bin unserem Sohn ähnlicher. Mein Mann ist ein sehr schneller, leidensfähiger Macher, also ziemlich das Gegenteil von unserem Sohn. Die beiden geraten öfter aneinander.
Hast du manchmal Angst, dass dein Sohn es später schwerer haben wird?
Angst nicht. Früher habe ich mir Sorgen gemacht, wie er später in der Arbeitswelt klarkommen wird. Aber jetzt ist er ein Jugendlicher und ich sehe, wie gut er für sich selbst sorgen kann. Er sucht sich mit Bedacht passende Freunde, Hobbys und nimmt sich Zeit zum Alleinsein. Jetzt bin ich überzeugt, dass er gut klarkommen wird.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Für unseren Sohn, dass er weiter so gut bei sich bleibt. Für andere hochsensible Kinder, dass die Eltern das Thema kennen und sich auf das Kind einlassen und nicht zu „heilen“ versuchen. Es lässt sich mit Hochsensibilität sehr gut leben. Ich freue mich sehr über unseren nachdenklichen, mitfühlenden, tiefgründigen Sohn.